auf nach Dubai!! - Türkei

Routen nach Dubai
13.10.2007: Korinoz - Eceabat
Wieder früh auf den Beinen mache ich heute Strecke auf der Autobahn Richtung Türkei. Noch am Überlegen, ob ich die Grenze heute noch passieren soll, hilft mir das miese Wetter bei meiner Entscheidung. Es regnet und stürmt, als obs das Ende der Welt wäre. Da kann ich genausogut auch fahren. Der Grenzbeamte ist leicht überfordert, weil ich mit zwei Fahrzeugen einreise, aber alleine bin. Wo soll er denn da das zweite Fahrzeug hinstempeln? Außerdem gibt es in seiner Computer-Eingabemaske diese Variante auch nicht. Zur großen Freude aller hinter mir in der einzigen Abfertigungsspur muß er sich kundig machen. Telefoniert. Läuft zum Oberhäuptling. Kommt zurück. Lamentiert. Und nimmt sich dann endlich ein Herz und schreibt handschriftlich einen kleinen Roman in meinen Paß. Wenn das mal gut geht. 100m weiter gibts dann schon das erste Problem. Da wird, aus welchen gottgegebenen Gründen auch immer, das eben zuvor eingetragene Fahrzeug noch einmal im Computer gesucht und siehe da - da steht nur eins drin! Komisch! Vielleicht hätte ich ihm meinen zweitern Paß geben sollen ?! Wie auch immer, ich zeig ihm den Roman im Paß, er telefoniert und  schon gehts weiter.
Ich beschließe, bis Eceabat weiter zu fahren, um am nächsten Morgen die Fähre in den asiatischen Teil der Türkei zu nehmen. Durch strömenden Regen, heftigen Wind, unterwegs im Dunkeln mit völlig verrückten Manövern von wild gewordenen Busfahrern, bedenkenlos mitten auf der Straße taumelnden Leuten, Traktoren, die, weil das Anhalten offensichtlich zu schwierig ist oder eben nicht geht, mir die Vorfahrt nehmen, unterwegs, lerne ich die Tücken des Verkehrs in der Türkei schnell kennen. In Eceabat soll es eine Bar geben, die Boomerang Bar, in der sich Reisende aus aller Welt treffen. Dahinter soll ein Stellplatz sein. Normalerweise mag ich es nicht, in der Nacht Stellplatz zu suchen, aber dieser Hinweis ist mir gut genug, um heute eine Ausnahme zu machen. Nach einer kleinen Rundreise durch Eceabat, dem ergebnislosen Versuch, mit meiner EC-Karte türkisches Geld abzuheben, nach mehrmaligem Fragen, lande ich endlich vor einer kleinen Bar, eben besagter Boomerang Bar. Bis auf 3, 4 Leute ist die Bar leer. Ich werde begrüßt von Mesut, er spricht englisch. Ob es noch eine andere Bank gäbe oder sonst eine Möglichkeit, Geld zu wechseln? Nein, es gibt nur eine Bank und heute ist großer, großer Feiertag, da ist alles geschlossen. Es ist Fastenbrechen, die Zeit des Ramadan ist zu Ende. Ich kann gern bei ihm bleiben, mit seinen Freunden feiern und essen. So passiert es auch. Wir haben einer super-schöne Zeit. Kochen, Essen, Trinken, Singen, Tanzen, Lachen, Feiern bis in die frühen Morgenstunden. Meine ersten türkischen Freunde. Was für ein Tag! Seid noch einmal gegrüßt und noch einmal vielen herzlichen Dank für unvergessliche Stunden!
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14.10.2007: Eceabat - Ören
Nach dem Sündenfall gestern schaffe ich heute keine allzu große Strecke. Zunächst gehts mit der Fähre (nach heute erfolgreichem Geldholen) in den asiatischen Teil der Türkei. Aufregend. Ich mache ein kleines Kultur-Programm in Troja (am meisten beeindruckt mich die Tatsache, daß Troja aufgrund des Windes reich geworden ist - nachdem das Kreuzen gegen den Wind noch nicht bekannt war, mußten die armen Seeleute auf den seltenen Südwind warten und die fiesen Trojaner haben sie ausgenommen so wie heute die Touristen), wo ziemlich über Herrn Schliemann geschimpft wird (und vehement auf die heutige Wissenschaftlichkeit verwiesen wird, mit der die 9 Schichten minimal-destruktiv untersucht werden) und lande bald an einem Strand in Ören, wo ich in einer kleinen Strandbar zu Abend esse (herrlich leckeres Lamm), wobei mir zu Ehren der Fernseher der Bar auf ein deutsches Programm (VOX, eine Sendung, in der Kinder ihre Eltern überraschen, indem sie das Haus sanieren, ist zur Zeit ja sehr hip, solche Renovierungs- und Bau.-Stories) umgestellt wird und bin noch vor 9 im Bett und schlafe.
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15.10.2007: Ören - Herakleia
In Izmir will ich zu MAN, um mir einen neuen Deckel für die Kühlwasseranlage meines Trucks zu holen. Bei meinem Deckel fehlt definitiv die Dichtung und in jeder forsch gefahrenen Rechtskurve suppt das Kühlwasser heraus, was sich im Laufe des Tages auf durchaus einen Liter und mehr summieren kann. Ich habe die Adresse über Satellit aus dem Internet geholt, dort auch angerufen, aber in einer 2,5 Millionen Stadt wie Izmiir ohne Stadtplan die Adresse zu finden, stelle ich mir als schwierig vor. Also rufe ich zu Hause an und bitte einen Freund, mir die zur Adresse gehörigen GPS Koordinaten rauszusuchen. Nach längerem Forschen bekomme ich Koordinaten eines Industriegebietes, die genaue Adresse erkennt kein Routing-Tool. Ich fahre kreuz und quer durch die Stadt bis auf 10m an die Koordinaten ran - und stehe zwar in einem Industriegebiet, aber eben dem falschen. Ich kurve weiter durch die Stadt. Die Qualität meiner Landkarten habe ich ja weiter oben schon beschrieben. Ich rufe nochmal zu Hause an. Das kann doch nicht so schwer sein, hier GPS Koordinaten zu haben, oder? Nicht einmal die MAN Werkstätte selbst kennt sie. Geschweige denn MAN24. Leben wir nicht im 21. Jahrhundert? Izmir ist nicht Afrika! Keine Chance. Also engagier ich einen Taxifahrer, 'Escort!', der mich zum immerhin 15km entfernten Ziel bringt. Auch er muß während der Fahrt nachfragen, wo das denn liegt. Dort angekommen, werde ich sehr positiv überrascht. Der Niederlassungsleiter spricht perfekt Deutsch, hat gar einen wohltönenden bayrischen Einschlag, lädt mich in sein Büre ein, während mein Truck repariert wird. Er lädt mich auf Kaffee oder Tee ein, ich lehne ab - uhh! Ich sei jetzt in der Türkei, da gehe es so nicht! Kaffee oder Tee? Ich bin ja lernfähig, und schmunzelnd bekomme ich meinen auf richtige Weise schwer gesüßten türkischen Tee. Wir unterhalten uns, sehr angenehm und freundlich, ich fühle mich gut aufgehoben und sehr wohl. Nach nicht einmal einer halben Stunde ist mein Truck fertig, Füllstände geprüft und befüllt, mit einem weiteren Ersatzdeckel werde ich für wenig Geld entlassen und beste Wünsche begleiten mich auf dem weiteren Weg.
Ich sehe mir noch Ephesos an, sehr beeindruckend in seiner Größe und Weitläufigkeit. Fast nur deutsche Touristen, überall wird deutsch gesprochen. Die Eintrittspreise sind hoch, die Parkplatzgebühren astronomisch. Aber es lohnt sich doch, ich bleibe ein paar Stunden, atme die Luft vergangener Tage.
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Am Abend find ich in Herakleia ein kleines Paradies. Ein kleiner Bauernhof mit Stellplatz und einem von Muttern bekochtem Restaurant am Ufer eines Sees - ich bin wieder einmal der einzige Gast, aber es ist traumhaft schön und gut!
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16.10.2007: Herakleia - Antalya
Ich mache einen Umweg nach Pamukkale - die berühmten Sinterterrassen. Blendend weiß, herrliche (künstlich angelegte) Becken, zwar touristisch, aber entspannt. Lasse mich von einem der eifrigen Schlepper stoppen, "hier parken, umsonst, Gut Restaurant", weil er symphatisch ist, lass ichs durchgehen, parke auf "seinem" Parkplatz, wandle die paar Höhenmeter durch die Terrassen, benetze auch mal meine Füße - durchaus angenehm - und befriedige dann seine Geschäftsgier mit einem durchaus erträglichen Mittagessen. 
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Ich beschließe, heute doch noch bis Antalya zu fahren. Hier in Pamukkale ists mit einem Schlafplatz nicht so ganz einfach, zu viele Campingplätze und verdiensteifrige Helfer. Der Weg durchs Landesinnere ist landschaftlich wunderschön - ein Versuch, in einem Milli Parki ein Plätzchen für die Nacht zu finden, scheitert am geschlossenen Einfahrtstor, es findet sich einfach kein Plätzchen, wo ich bleiben mag. Erst im Dunkeln komme ich in Antalya an, hoffe, trotzdem einen akzeptablen Schlafplatz zu finden und lande - mitten auf einem Sandstrand. Mußte zwar einmal fragen, aber da war ich schon aus purem Zufall bis auf  500m an den freien Strand rangefahren...
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Ja, die Spuren habe ich in der Nacht zuvor reingefahren - mußte glatt Luft ablassen!
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17.10.2007: Antalya - Bucht bei Anamur
Auf meinem Weg weiter nach Osten fällt mir ein Wegweiser ins Auge: Küprülü Kanyon. Also folge ich dem Hinweis und lande nach knapp 40km Fahrt in einem Eldorado für Canyoning-Freaks. Ganz so wild brauch ichs dann heute doch nicht, aber ich lasse mich zu einer Schlauchbootfahrt den "Grand Canyon der Türkei" hinauf überreden.
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Daß ich selbst rudern muß, hat mir vorher keiner gesagt, und daß ich eine Truppe Tansania-Deutscher samt unkoordiniert paddelnder Kinderschar mit (eher neben dem Bootsführer als einzig prodiktive Kraft an Bord) voranbringen muß, auch nicht. Die Arme schmerzen schon, weils natürlich flußaufwärts geht und Opa und Oma und Kinderschar ihr Gewicht, aber keine Paddelproduktivität bringen. Kreuz und quer gehts durch die Strömung und der arme Bootsführer legt Kletterkünste hin, um das Boot von den Felsen aus durch irgendwelche Wirbel zu ziehen, daß es sehenswert ist und schade gewesen wäre, diesen Ausflug nicht zu machen.
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Auf der weiteren Fahrt taucht dann fernab der Küste eine Insel auf - Zypern! Neben meinen Befürchtungen wegen der laufenden Vorbereitungen, Kurdengebiete im Irak anzugreifen, noch so ein Kapitel türkischer Politik...
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Die Straße wird immer schlechter, ich gebe auf für heute und lasse mich unterhalb eines Restaurants am Strand nieder. Ein Obstverkäufer winkt noch und zeigt mir den besten Weg zum Strand - man will mich hier nicht loshaben, sondern lädt mich ein, zu bleiben. Eine schöne Erfahrung - da kann sich der Rest Europas durchaus ein Beispiel nehmen.

18.10.2007: Bucht bei Anamur - Yilanlikale
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So wildromantisch die Küstenstraße noch war, so touristisch wird alles, nachem die Hauptstraße von Konya kommend bei Silifke die Küste trifft. Eine Diskothek jagt die andere, ein Hochhaus überragt das nächste, eine Stadt folgt auf die andere. Dabei hätte ich schon gerne noch eine Nacht am Meer verbracht, bevor es ins Landesinnere geht. Aber es ist sinnlos - zu verbaut die Landschaft, zu dicht die Campingplatzdichte (obwohl geschlossen), zu abstoßend die Touristen-Industrie. Also entfliehe ich auf der Autobahn dem Trubel und fahre bis kurz vor Ceyhan, wo ich eine Burgruine ausfindig mache und zu meinem Platz für die Nacht erkore.
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Über eine kleine, steile Straße gehts hoch zur Burg, ein nach Militär-Kontrollposten aussehendes, mit Stacheldrahtverhau dekoriertes Tor läßt mich mittlerweile nur noch kurz stocken, dann bin ich auf einem gepflasterten Hof eines kleinen Restaurants, der Chef des Hauses kommt heraus, weist mich ein, begrüßt mich mit Handschlag und somit ist klar - hier bleibe ich. Ein paar Jugendliche sind da, bestaunen meinen Truck, ein paar Brocken Englisch werden ausgetauscht, ich bestelle ein Bier, mache mich über meine Türkei-Karte her, um die nächsten Etappen zu planen, da werde ich auf deutsch angesprochen. Ein türkischer Baulöwe, der lange Zeit in Deutschland gelebt hat, viel gereist ist und jetzt hier Eigentumswohnungen baut, lädt mich zu sich an seinen Tisch ein und wir quatschen stundenlang über Reisen, Türkei, Kurden, Politik. Er gibt mir Verhaltenstips für meine Reise quer durch die Kurdengebiete, hält nicht hinterm Berg mit Warnungen - na so schlimm wirds dann ja wohl hoffentlich doch nicht werden, nicht jeder braucht eine Waffe im Auto...
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Dort hinter den Bergen herrscht Krieg. Unfassbar.

Der Wirt rät mir noch, nur mit festen Schuhen rauszugehen und den Truck gut zu verschließen - Yilanlikale sei ein Schlangenberg und berühmt dafür, es gebe jede Menge (natürlich giftiger) Schlangen und er wäre schon mal mit einer Schlange uim Bett aufgewacht. (Wer nicht, denke ich mir, und übertreiben kann ich selber, trotzdem trete ich kräftiger auf als sonst)
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Am nächsten Morgen trinken wir noch zusammen einen Tee und wir verabschieden uns herzlich.

19.10.2007: Yilanlikale - Nemrut Dagi
Auf zum Berg der Götter! Die Sonnenauf- und -untergänge sollen etwas ganz Besonderes sein hier oben. Auf zwei Terrassen sitzen sie, die Götter und Könige aus Stein und bilden einen Verschmelzungspunkt für Ost und West. Es ist wirklich eine besondere Stimmung, zwar ist der Himmel bewölkt und der Sonnenuntergang deshalb nicht so spektakulär, aber die Aussicht ist atemberaubend und die Statuen, die mit mir (und noch ein paar anderen) auf den Sonnenuntergang warten, geben der Situation Würde und Größe. Ich bin tief beeindruckt.
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Am Abend lerne ich noch einen türkischen Motorradfahrer aus Bursa kennen, wir essen zusammen (ein höllisch scharfes lokales Gericht aus Hirse, rohem Fleisch, Gewürzen und was weiß ich noch allem, das auch für ihn fremd ist), trinken Tee (und ein Bier) und unterhalten uns prächtig. Wir verabreden uns für den Sonnenaufgang, deshalb mach ich jetzt um Mitternacht lokaler Zeit auch Schluß mit meinem Geschreibsel und geh ins Bett, damit ich morgen fit bin. Gute Nacht!
Der Sonnenaufgang ist leider buchstäblich ins Wasser gefallen. Es hat die ganze Nacht geschüttet wie aus Kübeln dazu Temperaturen um die 5 Grad und die Heizung mochte wegen der Höhe nicht starten. Brrr. Bin dann kurz nach dem Hellwerden aufgestanden und habe mich gleich auf die nächste Ettappe gmacht.

20.10.2007: Nemrut Dagi - Van See
Zunächst gehts mit einer altersschwachen Fähre über einen Arm des Atatürk-Stausees, dem aufgestauten Euphrat. Irgendwie sind die Menschen hier in der Gegend härter, vielleicht ist es aber auch nur das Autofahren, jedenfalls gehts beim Anstellen an die Fähre ganz schön hemdsärmelig, um nicht zu sagen grob zu. Erst mal mit dem LKW reinfahren ins Chaos und dann nicht mal den eigenen Fehler erkennen, sondern die anderen zur Sau machen. Hab mich zurückgehalten und bin doch auf die Fähre gekommen.
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über Fernstraßen (wenn man die Holper-die-Polter-Strecken so nennen mag) gehts dann durch zahlreich vorhandenes Militär zum Van-See. Auch hier lande ich bei meinem ersten Versuch, einen Schlafplatz zu finden, leider bei einem Haus (das ich hinter dem Hügel nicht wirklich erkennen konnte) und meine vorsichtige Frage, ob ich hier irgendwo ein Plätzchen für uns finden könnte zum Schlafen, werde ich brüsk abgewiesen. An solchen Orten mag ich dann auch nicht bleiben, wünsche dem armen Menschen noch eine gute Nacht und mach mich von dannen. Keine 500m später geht ein Schotterweg die Berge hoch - meine Wahl - und siehe da, ich stehe hoch über dem Van-See auf eine verdorrten Wiese, habe den besten Ausblick, man sieht mich von der Hauptstraße aus nicht und um den kleinen Schotterweg-Verkehr mach ich mir keine Sorgen. Gute Nacht!
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Die Nacht war bis auf ein paar blinde Alarme vom Floh, dem Oberschisser, ganz ruhig. Die beiden Hunde waren draußen, in so einer ruhigen Umgebung können die ruhig mal auch das draußen sein genießen. Nur jagt jede Blindschleiche dem Floh solche Angst ein, daß er wie wild rumspringt und völlig außer sich rumbellt. Da kann ich auch gleich eine Fahne hissen und sagen: Hier bin ich! Hab das eine und andere Mal geschaut, ob tatsächlich was draußen los ist, aber außer ein paar verirrten Viechern war da wohl nichts. Gut, daß ich so früh ins Bett gegangen bin, sonst wär ich jetzt ganz schön gerädert.
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Nach dem morgendlichen Procedere (Duschen, Kaffee trinken, Hunde ausführen und füttern, Katze versorgen, 5min hinsetzen und nochmal wirken lassen, Truck reisefertig machen,usw.) mache ich mich an den Abstieg. Der bleibt nicht unbemerkt und schon warten unten die Jandarma auf mich. "Was Du da tun?" fragt mich der ranghöchste Offizier. "Ich reise", antworte ich, setze mein allerfreundlichstes Gesicht auf (meine es allerdings auch so, und er glaube ich, spürt sowas schon). "Haben Sie Paßport?" - jetzt wirds förmlicher, aber sehr, sehr korrekt. Ich zeig ihm also meinen Ausweis, er blättert interessiert - "Du alleine?" - "Ja, ich bin unterwegs nach Dubai und meine Frau kommt mich dort mit dem Flugzeug besuchen". "Wer sonst drin?" - Ich öffne die Tür und die zwei Monster schauen raus. Jetzt ist das Eis endgültig gebrochen - ob er ihnen einen (Schoko!-)Riegel geben kann? Klar, er muß nur aufpassen, daß ihm Mogli nicht die Hand mit abbeißt. Wo ich denn hinfahre - ? Habe ich doch schon gesagt, nach Norden, zum Ararat (er verbessert mich, das heißt Arrrt oder so ähnlich, aber auf keinen Fall Ararat - es ist ja der Arrr-Berg - mit kaum wahrnehmbaren 'e'-Lauten zwischen den 'r's! Natürlich lerne ich gerne hinzu und probiere mehrmals, bis ich entweder gut genug wiederhole oder er aufgibt, wer weiß) und dann in den Iran. Also nicht nach Süden? Nein! Sehr gut, sehr gut. Mir ahnt fürchterliches, was sich später auch als richtig herausstellen soll. Im Süden (was heißt das schon, das sind vielleicht 100km) ist der Teufel los. Schwere Gefechte, Bombardierungen, ganze Dörfer werden plattgemacht, Bombenanschläge, man spürt hier überall die Nervosität richtig. Gut, daß ich so zügig durchgefahren bin, denke ich mir.
Über einen 2600m hohen Paß geht es nach Norden, zum Teil ganz nah an der iranischen Grenze entlang - ich kann die Grenz-Bewachungs-Türme alle paar hundert Meter schon sehen. Jede Menge Checkpoints jetzt, alle mit Maschinengewehren, gepanzerten Fahrzeugen, Sandsäcken zusätzlich zu den ohnehin schußsicheren Kontrollhäuschen, der Verkehr Richtung Süden wird streng kontrolliert, nach Norden gehts einfacher zu. Es fängt an zu regnen, 19 Grad, kein Problem. Denke ich. Plötzlich steht vor mir ein Tanklastzug quer. Der Trailer halb im Graben, die Zugmaschine mit den Rädern hoffnungslos durchdrehend auf dem Wege dahin. Ich bleibe stehen, steige aus - und liege fast auf der Nase. Die Straße ist spiegelglatt. Kein Eis, nein, die Feuchtigkeit macht aus dem Asphalt und dem Dreck (Diesel?, Öl? was sonst) oben drauf eine Schmierage, daß ich mich fast nicht auf den Beinen halten kann. Dem Sattelschlepper helfen zu wollen, ist da sinnlos. Er muß auf Trockenheit warten (und eben hoffen, daß es nicht noch schneit und Winter und nächstes Jahr wird, dann ist er gefeuert oder pleite). Ich taste mich um die Blockade herum, erreiche die Paßhöhe - und abwärts gehts. Ungebremst. Da zu rutschig. Unfaßbar. Ich rette mich aufs Bankett in den Schotter. Schalte meine Sperren zu, ich möchte hier nicht auf eventuellen Schnee warten, und fahre mit dem halben Fahrzeug neben der Straße talwärts. Meine Hauptsorge gilt den anderen LKW's, die hinter mir kommen mögen und keine Chance haben, zu bremsen. Aber offensichtlich ist oben inzwischen so ein Chaos, daß keiner mehr durchkommt. Ich kanns immer noch nicht fassen. KEIN Eis, nein, einfach nur naß, aber 100m Bremsweg von 30km/h auf 0. Ich muß vorsichtiger sein in Zukunft.
Nach Dogubayazit ist es nicht mehr weit - bin schon gespannt auf den Arrr-Berg (!). Aber auch er hüllt sich in Wolken. Obwohl man den Gipfel nicht sehen kann, beeindruckt seine Höhe - und das, obwohl ich selbst schon auf über 2000m stehe. Zum ersten Mal auf meiner Reise fallen mir bettelnde, ja fordernde Kinder auf. Handzeichen wie "Stop", und "Geld", Daumen und Zeigefinger aneinander reibend, kommen sie mir mit einer seltsamen Mischung aus Neugier und Aggressivität entgegen. Irgendwie nur eine begrenzte Altersgruppe, eher jung, vielleicht um die 12, andere winken wieder fröhlich und scheinen sich zu freuen, wenn man selbst auch freundlich winkend reagiert.
Ich entscheide mich, meiner Erfahrung folgend, wieder bei einer touristischen Attraktion / Monument / historischen Stätte meinen Schlafplatz zu suchen. Und lande in einem größeren Militär-Manöver. Gute Nacht. Aber Warten hilft auch hier wieder einmal und so stehe ich dann vor dem Märchenpalast Isha Pasa Sarayi. Herrlich gelegen, super Blick auf den - ja, richtig - Arrr-Berg und mit über 300 Zimmern gesegnet. Man läuft sich tot zwischen Wartezimmer, Bibliothek, Saal, Küche, Hammam usw. usw. Ein richtiges orientalisches Schloß. Und jetzt steh ich knapp oberhalb, hab mir einen Campingplatz (naja, einen Parkplatz neben einem Restaurant eben, den sie hier Campingplatz nennen) gegönnt, weil mir sonst alles zu unsicher ist.
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Habe im Restaurant gegessen, dabei Gregor, einen allein herumreisenden Menschen kennengelernt, mich mit ihm ganz wunderbar unterhalten (zum Abschied hab ich ihm noch eine Flasche meiner guten Bordeaux-Weine geschenkt, ab morgen sind sie nutzlos, in den Iran kann ich sie nicht mitnehmen), bis im Fernsehen die schrecklichen Bilder aufgetaucht sind und uns der Wirt dann auch erzählt hat, was da im Süden los ist. Daß türkische Soldaten von PKK-Kämpfern mit amerikanischen Waffen (!) erschossen werden und die Amis so tun, als ob sie von nichts wüßten. Sei auch viel Erdichterei darum, die ganze Situation stinkt.
Ich wollte mir eigentlich einen Tag Auszeit gönnen, bevor ich in den Iran weiter fahre, aber so wie`s aussieht, ist der Iran  der sicherere Hafen. Ich werd mich morgen früh entscheiden. Gute Nacht!
Nach dem Gassigehen mit den Hunden treffe ich dann Parashut, den Besitzer des Restaurants, Bergführer und Bergretter. Wir landen in meinem Truck und versuchen, meine Weinvorräte zu vernichten. Wir erzählen und lachen und trinken die halbe Nacht. Und Ararat heißt also doch Ararat und nichts anderes. Er muß es wissen.
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created: 2007/10/12 by Thomas Waas
last changed: $Date: 2008/10/22 13:58:02 $ by $Author: Thomas $